Victor Grossman

Victor Grossman - Stephen Wechsler

1928 – 2025

Der Anfang

1928 — 1951

GeborenalsStephenWechslerinNewYorkCity,begannVictorsReiseinderlebendigenpolitischenAtmosphäreeinerjüdisch-amerikanischenFamilie.AlserdieHarvardUniversityerreichte,hattesichseinWeltbildzueinemEngagementfürsozialeGerechtigkeitgeschärft.

1952

Der Sprung in die Donau

AngesichtseinesdrohendenMilitärgerichtsverfahrenswegenseinerfrüherenZugehörigkeitenhandelteStephen.Am12.August1952durchschwammerbeiLinzdieDonauundflohvonderUS-BesatzungszoneindiesowjetischeBesatzungszoneinÖsterreich.

Zeuge zweier Welten

Als Victor Grossman in der DDR wiedergeboren, wurde er zu einer einzigartigen historischen Anomalie – der einzigen Person, die sowohl die Harvard University als auch die Karl-Marx-Universität in Leipzig absolvierte. Jahrzehntelang arbeitete er als Autor, Aktivist, Journalist, Übersetzer und Brücke zwischen Ost und West.

Trauerrede & Gedenken

Trauerrede für Victor Grossman von Sevim Dagdelen

Liebe Freunde,

Ein Bild von Victor Grossman ist mir unwiderruflich im Herzen geblieben. Auf der „Fiesta de Solidaridad“ in Berlin-Lichtenberg traf ich Victor vor zwei Jahren. Da war er bereits 95 Jahre alt. Es hatte zu regnen angefangen – in Strömen. Es war kein guter Unterstand weit und breit zu sehen. Victor bestand aber darauf, zu bleiben. Erst als sein Hemd schon völlig durchnässt war, konnten wir ihn überreden, sich von meinem Mann nach Hause fahren zu lassen.

Dieses Bild sagt viel über Victor. Victor war ein Kämpfer – durch und durch. Manche kämpfen in ihrer Jugend, manche im Berufsalter – manche aber ein Leben lang. Victor gehörte zu den Letzteren.

Letztes Jahr mussten ihn seine Kinder noch liebevoll davon abhalten, mit der Gaza-Flottille mitzufahren, um gegen das Unrecht an den Palästinensern zu protestieren. So tief saß in ihm der Wille, den Kampf nie aufzugeben. Und das sagt sich nicht einfach so dahin.

Nikolai Ostrowski hat es in seinem Buch „Wie der Stahl gehärtet wurde“ auf bewegende Weise formuliert:

Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht.

Victor hat sich diesen Kampf um die Befreiung der Menschheit zur Lebensaufgabe gemacht – und bereits als Kind seine Entscheidung getroffen. Mit acht Jahren sammelte er auf dem Times Square in New York Spenden für die Internationalen Brigaden, der Spanischen Republik, die sich dem Faschismus Francos und seinen Unterstützern Hitler und Mussolini entgegenstellten. Für Victor hatte der Zweite Weltkrieg 1936 mit dem Angriff der Franquisten begonnen. Erst der Sieg der Alliierten – vor allem der Sieg der Sowjetunion hier in Berlin – konnte diese Niederlage gegen den Faschismus revidieren.

Mit acht Jahren schien Victor seine Richtung bereits gefunden zu haben. Auf andere, ganz besonders junge Menschen zuzugehen, das war sein Leben. Es war deshalb selbstverständlich, dass Victor mit 90 Jahren eine lange Lesereise in die USA unternahm, um seine Analysen einer breiten Leserschaft vorzustellen und Menschen zu gewinnen, den Kampf um die Befreiung der Menschheit mitzugragen. Victors Entscheidung, diesen Kampf aufzunehmen, war unumstößlich. Und um ihn führen zu können, war er bereit, existentielle Schritte zu gehen, auch um seine Position in diesem Kampf zu verbessern.

Victor Grossman war Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Um der Verfolgung durch CIA und FBI während der McCarthy Zeit zu entkommen, desertierte er, in Bayern stationiert, aus der US-Armee. Am 12. August 1952 durchschwamm er bei Linz die Donau und floh von der US-Besatzungszone in die sowjetische Besatzungszone in Österreich.

Eine Entscheidung für das Leben – und eine Entscheidung für die Sowjetunion, die er, solange ich ihn kannte, niemals bereute. Aus Stephen Wechsler, so sein Name in den USA, wurde Victor Grossman in der DDR. Der Namenswechsel war mehr als Schutz für die Familie und sich selbst. Er war die neue, die kommunistische Identität – ein „nom de combat“, wie es auf Französisch so schön heißt, ein Kampfname. Wie viel Mut muss ein Mensch haben, um eine solche, einsame Entscheidung zu treffen? Sein erfolgreiches Leben, mit vielen Freunden, der geliebten amerikanischen Kunst, Kultur und Sprache und Familie, hinter sich lassen zu müssen, um sich der Vorladung des US-Militärgerichts zu entziehen und zugleich ein völlig neues, unbekanntes Leben zu beginnen?

Victor Grossman war ein Intellektueller. Er scherzte gern, dass er der Einzige sei, der sowohl einen Abschluss der berühmten Harvard-Universität in Cambridge als auch der Karl-Marx-Universität in Leipzig innehatte. Ein organischer Intellektueller, hätte Antonio Gramsci gesagt. Denn was ihn wirklich formte, war weniger die akademische Ausbildung, sondern die Jahre als ungelernter Arbeiter in Buffalo in New York. Ein Dutzend Genossen hatte der Zellenvorsitzende der KP in Harvard gefragt, ob sie nach dem Studium in die Produktion gehen würden. Drei von ihnen hatten sich bereiterklärt – darunter Victor Grossman. Buffalo war Victors Schule. Hier begriff er, was die Realität der Arbeiter in den USA wirklich bedeutete. Buffalo war der Ort, an dem er „viel lernte“, so seine eigene Aussage. Ein Ort der Ausbeutung, des Rassismus, der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen.

Die DDR sah Victor als Widerspruchsgesellschaft, in der große Errungenschaften – soziale Sicherheit, Antifaschismus, Frauenemanzipation und die Unterstützung antiimperialistischer Kämpfe – schweren Mängeln gegenüberstanden. Victor sprach offen von den verpassten Chancen in den siebziger und achtziger Jahren bei der Schaffung innerparteilicher Demokratie, der Krise der Planwirtschaft und einer Führung, die zunehmend den Bezug zur Realität verlor. Die Niederlage der DDR war für Victor auch eine persönliche Niederlage. Aber anders als viele andere war für ihn entscheidend, dass künftige Generationen aus dieser Niederlage lernen sollten – nicht nur aus den Mängeln, sondern gerade auch aus den Errungenschaften.

Victor – und das macht ihn so besonders – war nicht bereit, sich an die Ideologie der Sieger anzupassen. So stark war er. Victors Entscheidung für die Sowjetunion war zugleich eine klare Entscheidung gegen den US-Imperialismus. Victor wusste genau, wie die koloniale Unterdrückungsmaschinerie der USA durch Kriege und Interventionen im Globalen Süden funktionierte. Jemand wie US-Präsident Trump war für ihn keine Ausnahme, sondern brachte dieses System, das auf die gnadenlose Bereicherung einiger weniger ganz Reicher setzt, nur auf den Punkt. Zu diesem System einer global plündernden und mordenden US-Oligarchie musste es eine Alternative geben – muss es eine Antwort geben. Seine Solidarität galt den unterdrückten Völkern weltweit: Südafrika, Vietnam, Angola, Palästina. Klar gegen die Politik des imperialistischen Vorpostens im Nahen Osten, setzte Victor auf Frieden und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Seine scharfsinnigen Analysen stellte er diesem Kampf um Befreiung zur Verfügung.

Oft hört man bei Verstorbenen, sie seien humorvoll gewesen – vielleicht auch, um den Tod etwas weniger endgültig erscheinen zu lassen. Humor ist ja, wie Walter Benjamin formuliert hatte, ein Act einer urteilslosen Vollstreckung, einer rechtsaussetzenden Gewalt. Victor liebte diese rechtsaussetzende Gewalt. Victor liebte jüdische Witze. Wie etwa den: Treffen sich zwei Juden im Zug. Sagt der eine zum anderen: „Ei.“ Sagt der andere: „Eieiei.“ Antwortet der erste: „Lass uns lieber nicht über Politik reden.“

Liebe Trauergemeinde, Victor und ich hatten ein besonderes Verhältnis. Für Victor war nicht wichtig, wo man herkam – schon gar nicht, wo die eigenen Eltern oder Großeltern herkamen, oder welcher Religion man angehörte oder welcher Religion die eigenen Eltern oder Großeltern angehörten. Das spielte für ihn einfach keine Rolle. Er wusste, dass dies immer nur Fragen waren, um jemanden auszuschließen und am Ende auch seine intellektuelle Redlichkeit in Zweifel zu ziehen. So hat Victor mein Herz erobert. Was einer denkt, wie einer handelt, wie er zu den Arbeitern steht, zu den einfachen Leuten – das war wichtig, nicht, worauf andere ihn festzulegen versuchten.

Der Kampf um Befreiung ist aber nicht nur ein Kampf um die Lebenden, sondern auch um die Toten. Das musste ich erkennen, als ich im Vorfeld dieser Rede einige der Nachrufe auf Victor Grossman gelesen habe. Unwillkürlich kam mir ein Zitat von Walter Benjamin in den Sinn: „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ Der Kampf für Befreiung ist auch ein Kampf gegen die Umdeutung des Erbes von Victor Grossman. Denn nur dann haben wir eine Chance, unsere Position im Kampf um Befreiung zu verbessern.

Leb wohl, lieber Victor.

Trauerrede von Sabine Schubert

Lieber, lieber Victor,

diesen Brief hatte ich vor reichlich 2 Jahren zu deinem 95. Geburtstag geschrieben und habe ihn für heute etwas überarbeitet, vor allem gekürzt. Denn über dich kann mensch ja so viel erzählen. 97 Jahre – die muss ein Mensch erstmal schaffen. Und auch für dich gilt: Was für ein Leben!

Gefühlt kenne ich dich schon mein ganzes Leben. Wer in der DDR in irgendeiner Form politisch aktiv und auch kulturell unterwegs war, kam an Victor Grossman nicht vorbei. Deshalb habe ich mich damals im Februar 2000 sehr gefreut, dass nach der großen Demo für Mumia im Anschluss ein musikalisch-literarischer Abend im Roten Salon stattfand. Mit Bettina, Suzanna, Jutta, Karsten und dir. Später wusste ich, dass das deine Idee war, denn es gab auf deine Initiative mehrmals so ein Programm, u.a. im Französischen Dom.

Anfang 2000 begann ich auch im Infoladen intercambio zu arbeiten und lernte so das Aktionsbündnis für Mumia kennen. Und wer war dabei? Victor Grossman! Ich kannte Victor jetzt persönlich!!! Aus unserer Zusammenarbeit hat sich eine Freundschaft entwickelt, die mich richtig, richtig stolz macht. Denn du bist ein bewundernswerter Mensch, du bist ungeheuer klug und unterhaltsam, dabei bescheiden, hilfsbereit und vor allem humorvoll.

Weißt du eigentlich, dass du für eins meiner schönsten und besten Erlebnisse in der DDR „verantwortlich“ bist? Bei Perry Friedman habe ich gelesen, dass die Idee der Hootenanny von dir stammt. Ohne die Hootenanny hätte es kein Festival des politischen Liedes gegeben. Es waren unvergessliche Konzerte und Erlebnisse.

Bei Perry habe ich weiterhin gelesen, und du hattest das auch erzählt, dass nach der „Tauwetterperiode“ in den 60ern sämtliches amerikanische zu verschwinden hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, hattest du eine eigene Radio-Sendung, die dann nicht mehr ausgestrahlt werden durfte. Aus der Hootenanny wurde der Oktoberklub, nix spontanes mehr… Das muss dir bitter aufgestoßen sein, und doch bist du „bei der Sache“ geblieben. Wir hatten in der DDR die Möglichkeit des Aufbaus einer neuen Gesellschaft, das hatte für dich den Vorrang.

Jetzt mir fällt dein Freund Josh ein. Auch mit ihm haben wir einige gemeinsame Veranstaltungen gemacht. Und einmal habt ihr mir anschließend über eure langjährige Freundschaft erzählt, dass ihr mit Vorträgen in der DDR unterwegs wart und anschließend bis in die frühen Morgenstunden auf der Straße standet und diskutiert habt. Josh hatte vor allem die Probleme gesehen, du hattest dagegengehalten, dass wir diese Möglichkeit, die wir für eine neue Gesellschaft haben, nutzen müssen. Trotz alledem! Kann man hier ruhig mal so sagen.

Für mich gehören auch Victor Grossman und Angela Davis zusammen. Von dir haben wir ja in der DDR nicht nur viel über die amerikanische Musik, die Protestsongs erfahren, sondern auch über die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung. Als dann 2005 das Buch „Unterwegs zu Angela“ von Walter Kaufmann in einer Neuauflage erschien, hast du – folgerichtig – das Vorwort geschrieben. Mit diesem Buch gab es wieder mehrere Veranstaltungen mit Walter und dir. Ich habe euch sogar bis nach Cottbus geschleppt. Dort habt ihr u.a. erzählt, dass ihr drei „män’s“ immer verwechselt wurdet: Friedman, Grossman und Kaufman. Dabei fandet ihr euch überhaupt nicht ähnlich! Ja, es war immer ein Erlebnis mit euch Alten. Es gab für mich viel zu hören und zu lernen.

Apropos Bücher. Ich habe mir auf der RLK am Stand der Spanienkämpfer das Buch „Frauen und der spanische Krieg 1936-1939“ gekauft. Ich denke, der „Vorreiter“ dieses Buches warst wieder du mit deinem Spanien-Buch. Denn du hattest nicht umsonst eine Frau als Titelbild gewählt. Oder mit den „Rebel Girls“. Du hast mir eine Widmung ins Buch geschrieben: „Für Sabine, eine Rebel Girl!“ Den Rebel gebe ich gerne zurück.

Ich gehe nochmal zurück zur Hootenanny. Lin Jaldati gehörte auch dazu. Sie habe ich leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Dafür habe ich mehrere Konzerte mit Jalda Rebling erlebt. Und 2013 Jalda und Kathinka zusammen. Jalda erzählte damals, dass Anna Seghers die Lin in die DDR holte, weil die mahnenden Stimmen aus dem eigenen Erleben immer wieder gehört werden müssen und Lin sang immer in ihren Programmen das Lied „Es brennt Brüder, es brennt“. Und weiterhin erzählte Jalda, weil ja Anna und Lin nebeneinander hier auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben sind, sie sich vorstellen kann, dass die beiden Damen, abends, wenn alle Besucher weg sind und Ruhe eingekehrt ist, sich unter der Ulme treffen und sich austauschen über Gott und die Welt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass du dich zu ihnen gesellst.

Ich hatte auch das Glück, deine Familie kennenzulernen. Deine Renate war eine tolle Frau. Sie hatte mir erzählt, dass sie damals von ihren Freundinnen vor dir gewarnt wurde, denn „er sieht aus wie ein Abenteurer“. Und dann kam dein Brief mit den Worten: Ich habe die Liebe meines Lebens verloren. Das hatte mich damals sehr berührt, weil diese Worte mir einen liebenden Menschen zeigten, der das auch sagen bzw. zeigen kann. Obwohl du immer verlegen warst, wenn ich das zu dir sagte. Und so möchte ich mich von dir verabschieden: Victor, ich liebe dich!

Eines noch: Vor kurzem fand wieder die RLK statt. Solange du konntest, warst du immer dabei. Denn der Kampf für eine bessere Welt ist immer noch richtig und notwendig. Wir machen weiter Victor, versprochen! No Pasaran!

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